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Die überhastete Flucht


Auf den Birken vor dem Schloss, zwischen den beiden kleinen und langsamen Bächen, entdeckte ich viele Flechten. Ja, dachte ich mir, die Welt hier ist doch noch in Ordnung, und setzte mich auf einen großen alten Stuhl auf der Veranda.

Da drang Geschrei an meine Ohren. So werden langsame Geschichten von schnellen verdrängt, wird Hermetisches von Erzählbarem überwuchert.

Anton Wildgans kam ohne Atem vom Park herauf zu mir gelaufen. Ich saß in der Wintersonne, warm eingewickelt in vier dicke Decken. Ich musste mich erst mühsam ein wenig verdrehen, um ihn zu verstehen. "Hinter dem Schloss!" rief er. "Hinter dem Schloss, Pferde in Wappenfarben! Mit großen Wägen! Auf weit ausladenden Federungen wie zur Zeit der Postkutsche schaukeln etliche halbgläserne Karossen, in denen die Mitglieder des Hofes sitzen, es sind goldstrotzende Hofwürdenträger! Und die spanisch livrierten Kutscher zügeln die glatt und üppig in ihrem funkelnden Gurtenwerk tänzelnden Rosse, und auf den Lakaientritten stehen buntuniformierte Heiducken mit weißen Perücken und Kopfbedeckungen! Was kann das bedeuten?"

Ich steckte die Karoass in mein Notizheft, klappte es ruhig zusammen, eine Ansammlung von Texten und Fotos - ich sollte die Möglichkeiten einer neuen Form für Kurzarbeit ausloten, sowie Vorschläge unterbreiten, wie wir aufkeimende gefährliche Weltordnungen bekämpfen können - und fasste den Entschluss, mein fideles Schreiber-Leben endlich zu beenden, mein Schloss für eine Weile zu verlassen. Ich dachte nach. Ja, ich war verschreckt. Ich wollte weg. Ich wollte filmen.

Ich rief Erwin Steinhauer an, und er bestärkte mich in meinem Entschluss. Nun lief ich durch meine Zimmer, holte, was mir notwendig erschien, packte zwei Koffer und rief meinen Hund zu mir. Ich schaute nicht, was sich unter den Tischen abspielte, was sich dort fast immer abspielte, es war mir völlig egal, wer von meinen Angestellten da unten munter drauflosbumste an diesem kalten Wintertag. Ich kümmerte mich nicht um die zu mir dringenden Wortfetzen in einer selten anzutreffenden Sprache im hinteren Schlossteil, wo sich meine Gelehrten aufhielten Ich war viel zu beschäftigt. Ein neues Leben sollte beginnen!

Mit zwei Koffern in den Händen lief ich weg. Nicht weit entfernt vom Schloss Zweibach setzte ich mich schließlich in eine Wiese, in meine weiße Wiese, auf einen Stamm. Hier konnte ich, aufgeregt wie ich nun bereits war, nur mühsam klare Gedanken fassen. Ich gab mir schließlich den Auftrag, etwas zu unternehmen. Vieles wahrzunehmen und zukünftig rascher zu entscheiden.

Meine Vorhaben, meine Showdowns, meine Programmbücher sind zuerst immer Wahnsinnsskizzen, Sparte nette Familie zwischen sich steigernden Unverschämtheiten. Ja, ich würde wieder einmal einen Film drehen.

Und mit den bewährten Mitteln. So, wie in den vorherigen Filmen. Grässliche Greise, lächelnde Killerbubis, unverfrorene Mutterbumser, hinreißende Ami-Ziegen, nazibetrachtende Jungschwänze, mitteldeutsche Erfolgstypen, scharfkantige Altlastträger, Frauen mit schiefen Nasen, Männer mit hängenden Bäuchen. Und eine Handvoll "Normale". Abwechselnd würde ich sie einander hätscheln und verarschen lassen. Ein Film für alle!

Ich klappte meinen Bauch auf, schaute nach, nahm mir, was ich benötigen würde, klatschte mit beiden Händen. Mein Porsche kam, ich stieg ein, wir fuhren zuerst nach Wien, erledigten alles, und anschließend nach München. Denn nur dort kann ich gute Filme machen. Sagt jedenfalls Anton Wildgans.

Mein Team stand schon bereit. Und ich fragte wie immer: Was ist anders bei mir? Ich suche die besten Fabeln aus sämtlichen Weltschätzen heraus und sammle seltene Stoffe aus Stücken der Theaterwelt und bewege mich unter großer Anstrengung auf dem Feld zwischen Wunsch und Wirklichkeit, gebe Anlass zu mancherlei Bemerkungen, wie, ein Kruzifix stellt nicht auf eine braunen Berghang, oder, einen Nazi, der einen Juden umgebracht oder eine Jüdin geküsst hat, können wir unmöglich an seiner Nase erkennen. Das beschäftigt mich. Das beschäftigt ja doch auch alle andern? Was ist also anders bei mir? Was ist anders als bei anderen? Warum bin ich "mein Regisseur" und nicht "mein Publikum"? Warum machen wir diesen Film?

Keine befriedigende Antworten, wie immer.

Wir reißen noch kurz Inhalt und Überschriften an. Überschriften, wie, der Tod darf nicht ganz sinnlos sein, oder, das Wichtigste ist, dass ich geboren bin. Eingebettet in folgende Geschichte:
Die Verwandlung eines normalen Seeschlosses in ein Zweibächeschloss.

Und immer wieder die dämlichen Fragen meiner hartnäckigen jüngeren Mitarbeiter nach meinem eigenen Leben, nach dem Leben in meinem Schloss, mit einem Tagesablauf wie auf dem Landgut des alternden Verdi, und wie das alles zu meinen Inhalten, zu meinen halb versteckten, aber ehrlichen Forderungen nach mehr Demokratie, nach mehr sozialem Engagement, nach gerechterer Verteilung auf unserem Globus in meinen Filmen passen würde.

Und ich schreie hinaus: "Ich mache Filme, keine Menschen!" Es ist ihnen zu wenig.
Und ich verspreche ihnen, spreche mit hoher Stimme, weit entfernt von jeglicher Realität:

Ich habe mich heute morgen entschlossen, dem Staat bei der Schaffung und Erhaltung der für den freien Wettbewerb erforderlichen Rahmenbedingungen zu helfen, für eine freie Arbeitswahl, ein Jahr lang; anschließend werde ich den Staat zur Rede stellen, seine Vertreter, genauer, die Vertreter, welcher zur Gruppe der schwarzen Schafe zählen, mit auf mein Schloss nehmen, sie einquartieren, und einmal so richtig deutsch mit ihnen reden, zuerst bei der Buche, später sogar bei der Kapelle, beim Heuschober und vor der blauen Weltkugel, vorher lasse ich noch alle Schlösser überprüfen. Ja. Und so werde ich beginnen. Ich lese ihnen die wichtigsten Stellen aus folgenden Büchern vor:

"Gefahrenzonen in Europa" von Louis Dublin,
"Rechtsfindung 1934" von Bertholt Brecht,
"Freiheit ist nicht umsonst zu haben" von Adolph Lowe,
"Der Arbeiterführer Walter Reuther" von Herbert Brean,
"Einer vom deutschen Widerstand" von Reinhold Niebuhr
und
"Die Kartoffelkomödie" von Carl Zuckmaier.

Und die jungen Mitarbeiter sagen, das hätten sie bereits alles gelesen. Und die älteren Mitarbeiter schütteln den Kopf.

So, jetzt wissen Sie, wie es aussieht, wenn ich einen Film beginne. Bei meinen Geschichten ist es kaum anders! Ich habe immer viele Menschen um mich. Nur in "Zeiten des Schlosses", ja, da bin ich mit mir alleine. Ich sehe ja die anderen nicht, nicht einmal polternde Karossen.

Anton Wildgans fehlt mir schon jetzt. Aber "the show must go on"!

 

Drucklayout © 2005 by Vogel & Fitzpatrick GbR Black Ink
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