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DER FREMDE IM NEBEL
Christoph Schäferle

An jenem Abend gab ich einem inneren Zwang nach, als ich etwa gegen halb neun das Haus zu einem kurzen Spaziergang verließ. Es hatte keinen Zweck, ich mußte einfach an die frische Luft, ich dürstete geradezu nach etwas Bewegung, nach dem Gefühl zu leben, das während eines langen trüben Tages in einem gut geheizten Haus so stark verblaßt. Kaum hatte ich die Türe geöffnet, da strömte mir auch schon die schwere Feuchtigkeit der Oktobernacht entgegen. Ich atmete tief durch und trat auf die Straße hinaus. Um diese Jahreszeit war es jetzt schon völlig dunkel. Gemächlich schritt ich durch das kleine Dorf, meinen großen Schirm aufgespannt, um den leichten Regen fernzuhalten, der nur unter den Straßenlampen deutlich zu erkennen war. In den meisten Häusern brannte Licht. Ab und zu vernahm ich das Geräusch eines fahrenden Autos, ansonsten herrschte jedoch vollkommene Stille. Am Dorfrand angekommen, erblickte ich ungefähr dreißig Meter vor mir auf der linken Straßenseite die letzte der Lampen - dahinter befand sich das Nichts, zumindest schien es so, denn dort erhob sich eine riesige Nebelwand, die dem Auge unbarmherzig jeden Einblick in ihr Inneres verwehrte.
Einen Augenblick lang zögerte ich: Sollte ich umkehren, zurück zum warmen, behaglichen Zuhause? Doch ich war der geheimnisvollen Aura, die diesem Werk der Natur anhaftete, schon erlegen. Entschlossenen Schrittes steuerte ich auf die leuchtende Wand zu und tauchte in sie ein.
Innerhalb der Nebelwolke betrug die Sicht nur wenige Meter, und daher war ich sehr erleichtert, daß ich mich in einer Gegend befand, die ich wie meine Westentasche kannte, aus der ich notfalls auch blind wieder nach Hause gefunden hätte. Die Lichter des Dorfes blinkten nur noch schwach in der Ferne, wie Irrlichter in einer Sumpfgegend erschienen sie mir. Links zweigte ein Feldweg von der Straße ab, und ich schlug ihn ein, da er einen weiten Bogen beschrieb und später auf die Straße treffen würde, die ins Dorf zurückführte. Ich erklomm einen steilen Hügel und befand mich gerade wieder auf dem Abstieg, als ich, die Augen seitwärts zu den Lichtern des Dorfes hin gewandt, gegen einen kantigen hölzernen Gegenstand rumpelte. Das unförmige Ding rollte davon, den Hügel hinab, doch bevor es im Nebel verschwand, konnte ich noch erkennen, gegen was ich gestoßen war: ein Klavier! Es handelte sich tatsächlich um ein Klavier! Während ich mich noch darüber wunderte, hörte ich nur wenige Meter von mir entfernt eine ärgerliche Stimme: "Verdammt, verdammt, das konnte ja nicht gutgehen!" Neugierig trat ich einige Schritte vorwärts und erkannte einen alten Mann mit südländisch anmutenden Gesichtszügen und weißem Bart.
"Es tut mir leid, wenn ich Sie gestoßen habe", entschuldigte ich mich. "Hoffentlich ist dem teuren Instrument nichts geschehen."
"Ach was! Schon gut!" erwiderte er mürrisch. "Das ist nicht das erste Mal, daß mir sowas passiert."
"Spielen Sie Klavier?" fragte ich in der Hoffnung, einen Musikerkollegen vor mir zu haben.
"Ich? O nein, nein, ich bin nur der Transporteur", antwortete er, nun spürbar freundlicher, da ich mich für ihn interessierte. "Wissen Sie, der Möbeltransport - das ist mein Leben. Ich bin schon seit einer Ewigkeit im Geschäft. Also wenn Sie mal was haben..." Er zog eine Visitenkarte aus seinem Arbeitsoverall und reichte sie mir. Ich konnte jedoch in der Dunkelheit nichts lesen.
"Sie müßten mir allerdings schreiben, ich habe leider immer noch kein Telefon", fügte er hinzu und wollte sich auf die Suche nach dem bergab gerollten Klavier machen.
"Wie ist denn zur Zeit bei ihnen die Auftragslage?" fragte ich, nur um das Gespräch mit diesem Kauz noch etwas weiterführen zu können.
"Och, es könnte schon besser laufen", meinte er, "aber ich habe einen festen Kreis von Stammkunden, der ständig dafür sorgt, daß mir die Arbeit nicht ausgeht."
"Kann ich Ihnen vielleicht helfen, das Klavier zu finden?" bot ich mich an. "Wenn wir es gemeinsam den Hügel hinaufschaffen, ist der Rest doch ein Kinderspiel."
"Wie? O nein, vielen Dank", lehnte er ab, "aber das möchte ich schon allein erledigen. Meine Auftraggeber sind da sehr penibel. Schönen Abend noch!" Und schon war er im Nebel verschwunden.
Ich setzte meinen Weg fort und erreichte bald darauf die Straße wieder. Fast genau am Ortseingang endete der Nebel schlagartig; wohlbehalten gelangte ich nach Hause. Dort zog ich die Visitenkarte des alten Mannes aus der Tasche und betrachtete sie im Schein meiner Lampe. Der Regen hatte das Papier so aufgeweicht, daß die Adresse des Spediteurs nicht mehr erkennbar war, doch deutlich konnte ich den Namen lesen, der in griechischen Lettern die Karte zierte: Sisyphos.
"Mein lieber Freund", sagte ich, während ich eine Tasse heißen Tee einschenkte, "ich fürchte, dein Auftrag wird dich noch einige Zeit beschäftigen."

(Oktober 90)


Kilian Fitzpatrick / Christoph Schäferle/ Nikolai Vogel:
UND ANDER UNTIEFEN Leseprobe

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