I
Berge, Linie, Begrenzung; Grau. Sand, noch immer glüht der Morgenstrahl, noch immer hallt der erste Knall im Spiel von Wand zu Wand und Tal, in Hand von Flug und freiem Fall. Heißer Wind in den zusammengekniffenen Augen. Grau in allen Schattierungen, Spiele von Schatten an den Hängen der Gesteinsmassen. Berge, und wieder Grau, verschwimmen in der Ferne unter Flimmern der Luft, der Gedanke, der um nichts und Nichts kreist, sich in hilfesuchender Monotonie wiederholt. Wiederholen in Grau, in Felsen, in der aschfarbenen Wüste, Einsamkeit. Der Weg, die Straße, die einzige Hoffnung auf Abwechslung. Stille, nur Blasen, Pfeifen in den Ohren. Weder Leben noch ... Leben in dieser Einöde, in bizarren graubraunen Schattierungen - ebensogut ein Landschaftsbild des Mondes. Auch der ungeteerte Weg verlief sich im Irgendwo, schlängelte sich zwischen Staubdünen und Felsbrocken dahin, die im porösen Schwarz vulkanischen Ursprung erahnen ließen. Mit jedem Schritt knirschte der Boden darunter, und die Hoffnung wuchs auf eine baldige Ankunft, auf die Rückkehr in die Sicherheit seines Domizils, weitab vom Schuß, und er war dankbar dafür, für jede Minute, die er alleine verbringen konnte, ohne Menschen, die ihn nur an die Vergangenheit erinnerten... Er zwang sich, an etwas anderes zu denken. Menschen waren... Feinde. Resigniert ließ er die Zügel locker, mit denen er seinen Esel führte. Woyzeck kannte die Strecke, auch ohne ihn. Armer Esel, bepackt mit Vorräten für die nächsten zwei Wochen, inmitten der angehenden Hitze dieses Vormittags. Aber er war weder störrisch, noch bockte er, ein guter Freund, sein Begleiter. Sie können nicht betrügen wie Menschen, sie teilen das Leid, trösten... dachte er. Er machte kurz Halt, worauf Woyzeck neben ihm stehen blieb. "Weiter Woyzeck, wir werden alt", murmelte er und setzte seinen Gang fort, dieses Mal zügiger. Berge, Steine säumten seinen weiteren Weg, der sich in Schluchten verlief, in Staub, sie beflügelten ihn und straften ihn mit Müdigkeit. Die Eintönigkeit konnte niederschlagend sein, der Staub ödete ihn an - er war aggressiv und doch erlahmt wie ein alter Gaul, nicht mehr imstande, sich zu wehren. Vielleicht hatte er deshalb diesen Ort im bizarren Nichts gewählt, weil er hier mit der Gleichförmigkeit, mit der Sicherheit seiner Umgebung lebte, die allerdings einen ahnungslosen Touristen das Leben kosten konnte. Immer ausreichend Wasser, nie mittags unterwegs und so weiter. Erst vor kurzem war eine Leiche gefunden worden, etwa zwanzig Kilometer von seiner Bleibe entfernt; und er hatte gelacht. Ahnungslose Narren, das waren sie alle, die aus ihren Büros herausströmten, auf der Suche nach Abwechslung, mit dem Begehren nach Konsum, käuflichen Abenteuern - vor allem sichere - mit ihrem hinter einem Schreibtisch verdienten Geld, Plastikgeld, Kreditkarten, die nur in deren Welt Bedeutung haben. Was nützt dieses Kunststoffstück hier? Nichts, - zu Recht bist Du verreckt, weil Du geglaubt hast, das alles wäre im Preis enthalten... hoffentlich warst Du auch versichert, daß Deine Angehörigen nicht allzu viel verlieren, damit Dein Geld sie über Dich hinwegtröstet. Das kleine Haus wurde sichtbar. Man konnte von Playa Blanca auf zwei verschiedenen Wegen zu ihm gelangen. Da war einmal die Straße, eigentlich ein Feldweg, über den die Touristen mit ihren Bussen hierher gelangten, und zum anderen ein Fußweg, den er bevorzugte, weil er kürzer und auch angenehmer für Woyzeck und ihn war, und sich wie ein Faden durch die Felsmassen wand. Die Wände seiner Hütte hatte er absichtlich mit dem grauen Staub der Umgebung eingerieben, damit sie sich unauffälliger in die Landschaft einpaßten. Die Hütte lag unglücklicherweise keine zwanzig Meter neben der Straße, doch widerum trennte Hof und Weg ein kleiner Ausläufer der hier überall vorhandenen Berge. Man mußte einen kleinen Bogen gehen, um von der Straße zum Haus zu gelangen, erst dann war es vollständig zu sehen; am Fuße einer steilen Felswand, geschmückt von zwei kargen Bäumen, die zu jeder Tageszeit außer am Morgen Schatten spendeten. Träge führte er Woyzeck um das Haus in den kleinen, angebauten Stall. Dort blieb er am liebsten über Mittag. Er band ihn nicht fest, er wußte zu genau, daß er niemals fortrennen würde, wohin auch? - Das mochte er an Tieren. Er selbst trat durch die sperrangelweit geöffnete Türe - hier brauchte er sich um böse Mitmenschen keine Sorgen zu machen, es gab hier draußen keine, und unerwarteten Besuch hatte er, soweit er sich erinnern konnte, noch nie gehabt. Don Quichotte hatte sein Kommen längst bemerkt und bellte etwas. Früher war er immer mitgekommen, heute zog er es vor, beim Haus zu bleiben und dort im Schatten zu schlafen. Es war ein herzigs Hündchen. Ihm fehlte die Lust auf weitere Arbeit nach diesem Ausflug; er war ja nicht mehr der Jüngste, wie er heute schon einmal festgestellt hatte und seine Haare wurden schon stellenweise grau. Den Esel ließ er im Stall, packte die Lebensmittel in eine Ecke seiner Hütte, besorgte sich ein wenig Wasser und setzte sich auf einen Stuhl im Hauseingang, der vom vorderen Baum beschattet wurde. So verblieb er regungslos mit halb geöffneten Augen und döste dahin, verschlief die heißeste Zeit des Tages. Am Spätnachmittag, als er zufällig wegen Don Quichottes hartnäckigem Bellen erwachte - kein Tourist, sondern nur eine Krähe - erhob er sich schwerfällig, ging in die Küche, entnahm dem Schrank eine Dose Corned Beef, etwas Brot und schlang es schnell hinunter; der Hund bekam das Gleiche. Jetzt erst machte er sich an die Arbeit und verräumte die Vorräte, die er aus Playa Blanca besorgt und vor wenigen Stunden achtlos an einer kühle Stelle untergebracht hatte, eine Spinne hatte schon ihr Netz darüber gewoben. Ungeziefer gab es zu Hauf; die Fäden hingen überall und waren manchmal fast zu fein, sie zu sehen. Nach Abschluß dieser Lästigkeiten zog er sich an seinen Arbeitstisch zurück. Das Haus teilte sich prinzipiell in zwei Räume: den Arbeits- und Wohnraum und die Küche. An beide schloß jeweils ein kleines Zimmer an, das Badezimmer an die Küche und eine Kammer an den Wohnraum. Der Arbeitstisch befand sich auf der zum Eingang liegenden Seite des Zimmers und wurde von unzähligen Hobelspänen geziert. Mit ruhiger Hand griff er nach einer der kleinen Holzfiguren, die sich dort befanden, und nach einem Werkzeug und vervollständigte sein Werk. Er fand Ruhe in dieser Tätigkeit, auch etwas Selbstentfaltung. Außerdem verdiente er so etwas Geld nebenher, erinnerte er sich. Zwei Mal im Monat zog er nach Playa Blanca und verkaufte dort seine Holzfiguren, die er auch bemalte, an einen kleinen Souvenierladen. Es handelte sich um Figuren in einheimischen Trachten, tanzend oder in anderen Posen. Im Laden besorgte er sich Holz, kaufte ein und verschwand so schnell, wie es ihm möglich war, aus diesem Sumpf von Menschen und Touristen. Früher hatte er hin und wieder Ausflüge an die Küste gemacht, doch heute hatte er kein Bedürfnis mehr nach solchen Unternehmungen. Er genoß sein Heim. Heute war so ein Tag gewesen, an dem er seine Besorgungen erledigt und bei dieser Gelegenheit eine neue Ladung Figuren an den Händler verkauft hatte. Allerdings war das nicht sein Hauptverdienst. In dieser Einöde, einem Naturpark, durfte niemand wohnen, außer ihm. Er war zuständig für das Geisterdorf und einige landwirtschaftliche Anbauflächen. Es war wie so oft das Gleiche: Vor einiger Zeit befand sich hier das Dörfchen Guadalajara. Es zählte etwa zweihundert Einwohner, die jedoch nach und nach verschwanden, in die Städte abgewanderten waren. Zurück blieb ein Geisterdorf, verlassene Häuser, Autowracks, zerfallene Scheunen. Seine Aufgabe bestand darin, dieses Ruinendorf in einem Zustand zu erhalten, daß es nach außen hin gut aussah, eben so, wie man sich eine verlassene Geisterstadt vorstellt, aber gleichzeitig sollten die Gebäude nicht wirklich baufällig werden, schließlich sollten die Besucher alles erkunden und photographieren können. Das Kreuz auf dem Kirchturm war herabgefallen, obwohl Emilio so viel Mühe darauf verwendet hatte, es schief zu befestigen. Die Kunst war, alles authentisch zu gestalten, nicht realistisch. Bei manchen Häusern mußte er außerdem die Dachbalken kontrollieren. Für heute hatte er sich jedoch vorgenommen, nur die Landwirtschaft in Ordnung zu bringen. Er mußte zwei Felder mit Mais und anderen Pflanzen bebauen, damit eine spezielle Technik - die Erde mit Vulkanasche zu bedecken, so daß sie nicht austrocknete -, gleich zu einer weiteren kulturellen Attraktion verarbeitet werden konnte. Kein Mensch der Welt baute heutzutage noch auf diese Weise Gemüse an. Heute spannte man einfach eine Plasrikplane darüber, die traditionelle Methode wäre viel zu aufwendig und wenig rentabel. Man mußte diese Schicht fast jeden Tag regenerieren, weil sie der Wind verwehte; aber für einen Bus voller Touristen ließ sich auf Lanzarote alles organisieren. Am frühen Abend, als die Sonne nicht mehr ganz so intensiv herabbrannte, machte er sich zu Fuß auf den Weg, eine Hacke als einziges Werkzeug, um damit jene Dinge zu verrichten, die er für überflüssig hielt. Die Sonne senkte sich langsam, verblieb dort in ihrem relativ gleichen Zustand, während er arbeitete, somit einen Tag älter und näher an seinem Ableben war. Als es zu dämmern begann, zog er sich zurück in sein Domizil, trieb die Ziegen in den Stall, molk sie, bereitete sich aus der Milch eine Brotsuppe wie jeden Abend, entfachte das Feuer, setzte sich davor, stierte mit gläsernen Augen in das fackelnde Gelb und spielte Flöte. Die Töne, Melodien drangen aus ihm heraus, um wieder zu dem Ursprung zurückzufinden, der sie geschaffen hatte. Leicht, lieblich schlängelten sie sich in sein Ohr hinein und beschworen ihn zur Ruhe. [ Bestellen? ]
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