Nachwort Man mag noch so viele Lyrikbände gelesen, vielleicht sogar besprochen haben: Routine will sich nicht einstellen. Vor Gedichten, wenn sie diesen Namen verdienen, gibt es keine Kompetenz, kapituliert die - ohnehin angemaßte - Souveränität des Kritikers. Das erprobte Rüstzeug taugt weder zur Abwehr noch zur Bemächtigung. Auch den in diesem Band versammelten Gedichten, die sehr wohl diesen Namen verdienen, stehe ich wehrlos gegenüber. Das mythische Vorbild ist Achill, der weinende Krieger abseits am Strand. Ich greife das Wortspiel aus dem Gedicht Achill Island auf, das meiner Empfindung einen Anhaltspunkt bietet: "Verse sind Fersen". Verse sind meine - unsere? - Achillesferse, die Stelle, wo wir aufhören, Krieger oder gar Helden zu sein. Hier wird der Leser plötzlich eins mit dem Schreiber von Gedichten: Er teilt mit ihm die Zerstörbarkeit dessen, was er im Sand der Sprache findet. In einer jener für Jürgen Bullas Verse charakteristischen Bildmetamorphosen, die kein Ausruhen auf einem bestimmten lyrischen Topos gestatten, verwandelt sich die verwundbare Stelle des am Ufer mit seinem Schmerz alleingebliebenen Achill in die wundeste Welle des Meeres, und statt der göttlichen Mutter taucht Undine auf - nein, sie enttaucht nicht dem Wasser, sondern entgräbt sich dem Sand. Er ist der Friedhofserde benachbart, in der in einem anderen Gedicht das Ich nach Worten wühlt und bei dieser Exhumierungsarbeit sich selbst begräbt: "Wer nur schaufelt mir am Ende / die Erde aus dem Gesicht". Worte sind um so schwerer zu finden, je mehr wir von ihnen zugedeckt sind, Literatur überwuchert das Leben, verurteilt zur Sprach- und Atemnot. Da liegt einer ohnmächtig "zwischen dem Gedruckten", ist des "ichgenannten Atems" beraubt, wartet "auf Wiederbefiederung". Die Gedichte des vierundzwanzigjährigen, in München geborenen und lebenden Jürgen Bulla treffen mich an verwundbaren Stellen. Albert von Schirnding [ Bestellen? ]
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