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Vorwort


Liebe Leser und liebe Autoren, liebe Wortberger, Silbendreher, Metrumreiter, Erinnerungsablauscher, Fundstückebewahrer, Tastensucher, Notizzettelverwalter, Periodenbauer, Copypaster, auch ich bin kein Freund eines fadigen Vorwortsi, aber neulich musste ich mit dem Zug wohin, in einen Vorort. Zuerst kam der Zug nicht und ich vertrieb mir die Zeit, indem ich ein Lied pfiff. Das Warten ist eine Landschaft, sagte ich mir, versuchte den Horizont zu erspähenii, aber er blieb hinter dem Bahnhof, der Oberleitung und den Signalen verborgen. Neben mir warteten andere. Gar nicht so verspätet sahen wir den Zug einfahren. Ein schlaksiger Kerl neben mir seufzte befriedigt: "Endlich! Endlich haben diese Wichte ihre Schuldigkeit ausreichend getan. Endlich brennt die Kohle, endlich glüht das Eisen rot.iii" Was ist das denn für einer, fragte ich mich beim Einsteigen. Und hat auch noch einen Fuchsschwanz am Gürtel hängen. "You have to be as cool as Alain Delon", sagte ein anderer und drückte seine Kippe erst im letzten Moment aus.iv Im Zug musst' ich erst mal und las ein Schild, dass das Wasser kein Trinkwasser ist.v Na und, dachte ich? Der Stuhlgang war etwas hart, aber das hatte zumindest den Vorteil, dass man nicht so lange auswischen musste.vi Die Spülung rauschte, ich hatte mich erhoben, zog die Jeans hoch, wusch mir die Hände. Der Blick dann jedes Mal in den Spiegel – sich selbst das Gesicht kontrollieren, ob es noch das gewohnte ist.vii Als ich endlich ins Abteil kam – nein, ein Abteil war es gar nicht, sondern ein Großraum, saß da mir gegenüber ein bezauberndes Mädchen und las – und aß Gurkensalat, garniert mit Zitrone. Wie sie wohl heißen mag, überlegte ich.viii Ich wollte wirklich exzentrisch wirken, traute mich aber nicht so ganz.ix Und da passierte es mir, dass sich mein Sinnen, besser, dass sich mein Sehnen nach Überirdischem in einen bedrohlichen Strudel verwandelte; ich war ganz außer mir, das Wesentliche kann ich gar nicht mehr erzählen, aber kleinere sexuelle Feinheiten blieben mir in Erinnerung und wären erzählbar. Dass das Ganze schließlich in Wüstenei ausartete, dafür bin ich, falls ich einen milden Richter finde, nicht allein verantwortlich. Trotzdem schäme ich mich.x Bücher werden selten gelesen. Die meiste Zeit stehen sie im Regal, zeigen den Rücken.xi Also unterbrach ich sie nicht bei der Lektüre und schaute nur hinaus. Luft einatmen. Luft ausatmen.xii Endloses rattern. Felder.xiii Schneise des Geruchs durchs halboffene Fenster. Dünger: vorgestellt die Langsamkeit des alten Lebens auf den Höfen.xiv Doch ich lebe in der Stadt. So lange, dass ich mich kaum mehr an das Landleben erinnern kann. Oder doch ...?xv Was sehe ich? Ein Gerippe am Wegesrand, ein totes Handy im Schmutz? Nein, fröhliche Menschen bei der Arbeit. Und ein paar geschmückte Gräber.xvi Was erwartet die Bevölkerung? Was denkt sie sich aus? Was macht sie vor lauter Erwartung?xvii Überall wird an kleinen quadratischen Häusern gebaut.xviii Ich habe mir dieses Land nicht ausgesucht, aber andererseits hat es mich auch nicht ausgesucht.xix Der Zug hält jetzt an jedem zweiten Pilz.xx Der Schaffner lässt versehentlich seinen Kugelschreiber vor meinen Füßen fallen, haucht mir seinen Atem ins Gesicht.xxi Luft einatmen. Luft ausatmen. Nach Bier riecht er nichtxxii und ich komme nicht darauf nach was. Nach Joghurt vielleicht, ja, nach abgelaufenem Joghurt.xxiii Draußen verladen die Lastkrähne Wolken und ich träume die unsichtbare Welt, die Kurven und die Widerstände. Prophase, Anaphase, Metaphase und Interphase zischten vorbeixxiv und der Zug fuhr in eine echoreiche Gegend, -egendxxv. Das Mädchen mit der Zitrone -ohne, und den Gurken, -urken, klappte ihr Buch zu, -uh, und stieg da raus, -aus. Schade, dachte ich und rief ihr hinterher. "Ich hätte mich doch aber noch gerne mit dir besprochen" – rochen. Sie zögerte. "Vielleicht das nächste Mal" –aal. Und schon fuhr der Zug wieder weiter –eiter, einen Höhenzug hinauf, -auf, auf den die Echos nicht mitkamen, -amen, sondern sie blieben alle unten im Talgrund, -und und unterhielten sich dort, -ort –ort –ort. Dafür kommt mir nun sogar ein fliegender Berg entgegen.xxvi Er kommt mir sehr entgegenkommend entgegen, was mich misstrauisch macht. Ich pflege bei gar zu einfachen Angelegenheiten immer einen Haken zu vermuten.xxvii Einen Augenblick lang zögerte ich: Sollte ich umkehren, zurück zum warmen, behaglichen Zuhause? Doch ich war der geheimnisvollen Aura, die diesem Werk der Natur anhaftete schon erlegen.xxviii Scharf sehen, das war es. Einen klaren Kopf behalten.xxix Und wenn der Berg einen Schnupfen hat?xxx Egal. Die Realität war schon immer eine schwierige Sache gewesen.xxxi Ich legte mir allmählich eine Geschichte zurecht. Ich musste ja Erklärungen haben, für das, was vorgefallen war. Wenn auch nicht für mich, so doch wenigstens für andere.xxxii In der Erinnerung gibt es keine absolute Wahrheit, sondern nur die Wahrheit des Beobachters.xxxiii Und Taschentücher hatte ich dabei. Ich war ausgerüstet. Zwei Wochen war ich sicher schon unterwegs. Ich hatte in Dutzende von Buchläden schauen müssen, um die richtige Karte zu finden. Und mir dann gleich mehrere besorgt, darunter auch eine, auf der die Sextantenwerte eingezeichnet waren, man weiß ja nie, in welche Situation man gerät.xxxiv Die Fäden hängen überall zu fein sie zu sehen umgeben sie dich einspinnend in das Netz, das du webst.xxxv

Fünfzehn Jahre fährt dieser Zug jetzt schon, dieses Textendeckungsunternehmen, in das wir eingestiegen sind. Ich wurde kein Restaurantbesitzer und auch kein Kaffeehausbesitzer, sei’s drum.xxxvi Aber immerhin haben Kilian Fitzpatrick und ich 1993 den Black Ink Verlag gegründet – eine spontane Lust, ein Experiment, der Wunsch etwas selbst zu machen. Dass er so lange trägt, wussten wir nicht. Das Kollektivwerk "Das offene Buch", das am Anfang stand, kam zwar über ein paar Seiten nicht hinaus, aber es legte den Grundstein zu unserer eher experimentellen Ausrichtung, die auf die Vernetzung und Zusammenarbeit von Autoren setzt. "Und andere Untiefen" hieß das erste Buch, eine Anthologie im Eigenbau, in der sogar Teppichklammern eine gewisse Rolle spielten. Und "Black Ink Remix” heißt das Buch, das jetzt zum 15-jährigen Black Ink-Jubiläum erscheint und in dem viele Texte, die zwischen diesen beiden Büchern heraus kamen, neu geschrieben werden, weiter geschrieben werden. Vorgelegt das erst Mal am ersten Freitag im Dezember 2008 in der Glockenbachwerkstatt in München. Der König schläft im Schloss, aber der Hausmeister in seiner Wohnung, und seine Frau in Kaufbeuren oder Buchloe.xxxvii Der Prinz aber, in seinen Purpurmantel gehüllt, lag allein auf seinem Verdeck unter dem dunkelblauen, sternenübersäten Nachthimmel, und sein Blick – xxxviii

Nach unserer Überzeugung macht die gute Literatur zu einem großen Teil aus, dass man ausprobieren kann. Das Ausprobieren aber findet kaum noch statt im deutschen Verlagswesen. Größer werden ist das, was heute als einziger normaler Antrieb gilt. Klein anfangen, größer werden. Oder besser, groß anfangen, größer werden. Nur dass, wer größer wird, oft die Lust an der Sache links liegen lassen muss. Karrierefische, denen die Felle davonschwimmen, obwohl sie nur Schuppen haben.xxxix Im Sommer der Eitelkeiten mutiert selbst der Vergissmeinnicht.xl Was ist gesunder oder relevanter Realismus? Dass ich nicht lache!xli Das ist es ja! Jeder wird in dem Augenblick allein gelassen, in dem man sich einen eigenen Reim darauf machen muss.xlii Das Experiment, das Schwierige, das, in das man sich erst hineindenken, hineinfühlen muss, ist fast überall verpönt – außer es wird von denen betrieben, die es schon betrieben, als es mal noch nicht ganz so verpönt war, die damit also noch zu einem Namen kamen, ja, eben auch, weil sie einfach weiter machten. And the river flows on and on.xliii Wir sagen: Lasst uns ausprobieren und spielen. Ein Grün steht bereit.xliv Schön, dass ihr hier seid, wir freuen uns. Feiern wir in dieser Werkstatt. Für die Texte, die kommen, und die Mitreisenden, vielen Dank,


Nikolai Vogel

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i Cramer: Fructode, S. 7
ii vgl. Ulrich Bauer-Staeb: Das Warten ist eine Landschaft, das warten ist eine landschaft
iii Cramer: Graphax, S. 7
iv vgl. Paul Huf: You have to be as cool als Alain Delon, sagte Zelko
v vgl. Cramer: Fructode, S. 11
vi Vogel/Fitzpatrick: Plot, 2a, S 18
vii Vogel/Fitzpatrick: Plot, 2a, S 18
viii vgl. Cramer: Fructode, S. 12
ix Paul Jaeg: Der Landwiener Thomas Bernhard, S. 17
x Paul Jaeg: Die schwarze Scheide, S. 43
xi Nikolai Vogel: Mißlungene Texte, S. 21
xii Vogel/Fitzpartrick: Mond0, Buch I, 1a, S. 83ff
xiii Thomas Glatz: Der dicke Koch, 1a, S. 60
xiv Jürgen Bulla/Alexander Holzapfel: A8 Gedichte, Kilometer sechsundvierzig
xv Kilian Fitzpatrick: Die Germanei, S. 5
xvi Paul Jaeg: Der Landwiener Thomas Bernhard, S. 15
xvii Paul Jaeg: Der Landwiener Thomas Bernhard, S. 16
xviii Paul Huf: You have to be as cool as Alain Delon, sagte Zelko, S. 19
xix Maurice Gee: Lebende Fracht, S. 54
xx Thomas Glatz: Der dicke Koch, 1a, S. 60
xxi Thomas Glatz: Der dicke Koch, S. 62
xxii vgl. Thomas Glatz: Der dicke Koch, S. 62
xxiii vgl. Glatz/Friede/Stoned: Felix der Weltraumvirus, S. 9
xxiv Glatz/Friede/Stoned: Felix der Weltraumvirus, S. 9
xxv vgl. Glatz/Friede/Stoned: Felix der Weltraumvirus, S. 21ff
xxvi vgl. Cramer: Montesumas Gnaden
xvii Das Offene Buch, S. 2
xviii vlg. Fitzpatrick/Schäferle/Vogel: Und andere Untiefen, S. 117 (Christoph Schäferle: Der Fremde im Nebel)
xxix Kilian Fitzpatrick: Läufer, S. 25
xxx vgl. Cramer: Montesumas Gnaden
xxxi Vogel/Fitzpatrick: Welt II, S. 114
xxxii Nikolai Vogel: Wandlung, S. 25
xxxiii Vogel/Fitzpatrick: Zwei Wochen, 2a, S. 103f
xxxiv Vogel/Fitzpatrick: Zwei Wochen, 2a, S. 38f
xxxv Kilian Fitzpatrick: Läufer, S. 64 (Gedicht von Nikolai Vogel)
xxxvi Maurice Gee: Lebende Fracht S. 165
xxxvii vgl. Glatz/Fitzpatrick/Vogel: Der König schläft im Schloss Remix
xxxviii Arthur Schnitzler: Traumnovelle, S. 5
xxxix Nikolai Vogel: Qually Band 2
xl Ulrich Bauer-Staeb: Das Warten ist eine Landschaft, aufforderung
xli vgl. Paul Jaeg: Der Landwiener Thomas Bernhard, S. 67
xlii Paul Jaeg: Der Landwiener Thomas Bernhard, S. 57
xliii Sean Fitzpatrick: All on a May Morning in Scheuring, 2a, S. 98
xliv vgl. Black Ink Remix - das "Grün" im zweiten Teil des Buches ...

Alle Fußnoten dieses Vorworts beziehen sich auf Ausgaben, erschienen zwischen 1993 und 2008 bei Black Ink in Scheuring.

 

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